Meine „Krankheitsstory“ (10/05)


Ich werde seit 1995 mit Gedankenübertragung terrorisiert. Anfangs stellte sich das primär so dar, daß offensichtlich meine Gedanken an meine Mitmenschen übertragen wurden, welche dann darauf reagierten.


Bei einzelnen Mitmenschen wäre ein typisches Beispiel etwa ein verdutzter Gesichtsausdruck synchron zu meinen Gedanken.


Bei Mitmenschgruppen wäre ein typisches Beispiel etwa, daß die aktuell sprechende Person z.B. meine aktuen Gedanken zusammenfassende Stichworte in ihre Ausführungen einbezieht (selbst wenn diese überhaupt nicht zum Thema passen).


Das ganze wirkte so, als ob diese Mitmenschen untereinander klären wollten, inwieweit sie gemeinschaftlich die gleiche "Eingebung" (meine Gedanken) erfahren. Möglicherweise ist das nicht wirklich gelungen, jedenfalls ergaben meine expliziten Nachfragen lediglich eine "Leugnung" des eben Beschriebenen.


Sicherlich beruht ein Anteil dieser Situationen auf einer fehlerhaften Wahrnehmung meinerseits, so daß z.B. eine Videoaufzeichnung von einer entsprechenden Gesprächsrunde möglicherweise nichts objektiv Auffälliges geliefert hätte.


Teilweise werde ich z.B. die Ungewöhnlichkeit von Wortwahlen überbewertet haben, und auch mal Aussprüche komplett falsch aufgenommen haben.


Weiter habe ich natürlich (wie wohl jeder andere Mensch auch) die Fähigkeit, Gesprächsverläufe wenigstens teilweise bewusst oder unbewusst vorherzusagen, so daß mir solche unbewussten Vorhersagen sicherlich auch mal eine falsche Ungewöhnlichkeit der Übereinstimmung von Äusserungen Anderer mit meinen Gedanken vergegaukelt haben.


Solche Wahrnehmungsverzerrungen werden sicherlich auch stark gehäuft auftreten, wenn man ohnehin bereits der Überzeugung ist, daß eigene Gedanken an andere Mitmenschen (oder auch Tiere) übermittelt werden.

Auch Einsamkeit, Drogenkonsum (ich hatte bis 1995 mehrjährige Erfahrung mit Haschisch) usw. wird solche Wahrnehmungsverzerrungen zweifelsohne begünstigen.


Auch eine Überschätzung der eigenen Fähigkeit, Wahrnehmungen korrekt zu bewerten könnte solche Wahrnehmungsverzerrungen begünstigen.


Diese und viele weitere ganz normale, natürliche Faktoren die ich hier nicht erwähnt habe, genügen mir allerdings nichtmal ansatzweise, den Unterschied meiner Wahrnehmung zu dem, was ich bis 1995 für die Realität gehalten habe, zu erklären.


Die Wahrnehmung ist eindeutig: Ich werde mit Gedankenübertragung terrorisiert.


Abgesehen davon, daß ich nicht weiß, aus welchen Gründen und auf welche weise Gedankenübertragung stattfinden könnte, sehe ich auch keine Veranlassung, an dieser Wahrnehmung zu zweifeln.


Daß diese Wahrnehmung hochgradig unangenehm ist kann jedenfalls für mich kein guter Grund sein, an ihr/mir zu zweifeln.


All dies fing etwa im April 1995 ohne erkennbaren Anlass plötzlich an. Fast gleichzeitig stellte sich heraus, daß diese Gedankenübertragung auch andersherum stattfindet: Zunächst stellte es sich so dar, daß eine Person in einer Nachbarwohnung besonders intensiv auf meine Gedanken reagierte. Allerdings wohnte dort nur eine alte russische Oma, und die Stimme dieses vermeintlichen Nachbarn war auch draussen, unterwegs, ganzwoanders zu hören, als wäre sie akkustisch.


Bis Herbst 1996 bin ich dann in meiner Wohnung regelrecht vergammelt. Ich habe mich natürlich um nichts mehr gekümmert, und meinte irgendwie, da müsse doch mal bald jemand an meiner Türe klingeln, um mir aufzuklären, daß es sich um ein perverses Experiment oder sowas handelt, wie man ein eventuelles Implantat entfernt, usw.


Ich saublödes Ekelpaket habe es blödsinnigerweise leider nicht hinbekommen, einfach aus dem Fenster zu springen (war ein Hochhaus). Verhungern hat leider auch nicht geklappt, da alle paar Wochen doch irgendwo ein Stück Brot, etwas Geld, und sowas aufgetaucht ist. Verblüffend, wie lange man auch ohne Nahrungsaufnahme überlebt.


Mitte/Herbst 96 ist dann meine Wohnung geräumt worden, und wenige Tage später stand Polizei nebst Krankenwagen bei einem Kumpel vor der Türe.

Beschluss, 6 Wochen.


In der Psychiatrie (geschlossene, Anstaltskleidung, ...) angekommen ein kurzes Gespräch, in dem ich meine Erlebnisse etwa wie in diesem Vortrag sachlich schilderte.


Danach versammelten sich sogleich ca. 6 Pflegepersonen traubenförmig um mich herum. Spritze, ohne Fragen zur Art des Medikaments zu beantworten.


Über das Wochenende stellten sich starke sogenannte "Nebenwirkungen" des Medikaments in Form von krampfartiger Verstellung der Muskulatur ein (schräge Kopfhaltung usw.).


So verstellt wurde ich dann am Montag. dem zuständigen Richter vorgeführt, der sich dazu durchrang, den Beschluss zu zeichnen.


Wegen dieser "Nebenwirkungen" und aus Angst, daß diese wohlmöglich denn auch noch mit Hilfe von Elektroschock-"therapie" behandelt werden sollen, habe ich ernsthaft überlegt, ob ich nicht einfach behaupten sollte, daß das Medikament meine Halluzinationen beseitige.


Mein Vertrauen in die Mitmenschen ging dann aber doch weit genug, um auf eine solche Lüge zu verzichten, obwohl ich auch heute noch nicht vollständig sicher bin, ob und inwieweit meine Mitmenschen gewalttätig von/mit/zugunsten der Gedankenübertragung kontrolliert werden.


Nach etwa 1 Woche ging es dann auf eine etwas normalere Station, wo wenigstens eigene Kleidung gestattet war.


Die „Nebenwirkungen“ wurden etwas geringer, auch wenn "abends noch fernsehen" mich weiterhin vollkommen überforderte (Reizüberflutung, oder sowas).


Da mir das "Angebot" betreuten wohnens nicht adäquat zu sein schien gestaltete sich die Entlassung schwierig.


Man machte mir glaubhaft, ohne weiteres einen weiteren 6-Wochen Beschluss erwirken zu können, und drohte dies an, soweit ich nicht eine weitere 6-monatige ambulante Behandlung (Depotspritzen) in Kauf nähme.


Entgegen dieser Absprache versuchte man dann doch, mich nach Ablauf dieser 6 Monate erneut zu "veranstalten", was ich allerdings durch Bestehen auf einen richterlichen Beschluss zu verhinder wusste.


Diese insgesamt 8 Monate Neuroleptika (Haldol, Fluanxol?, Zyprexa) haben an meinen "Halluzinationen" rein gar nichts geändert. In dieser Hinsicht hat sich der Krankenhausaufenthalt lediglich so dargestellt, wie auch sonst, wenn ich nicht zuhause war (Verlagerung von "einzelne Stimme" zu "gruppenweisem Gedankenlesen"). Weniger geworden ist da jedenfalls nichts.


Mit der gesetzlichen Betreuung (die dann wenigstens für 2 Jahre diesen Sozialamtskampf wesentlich vereinfachte) gelang es problemlos, meinen jetzigen Lebensstandard herzustellen. Der sieht ungefähr so aus, daß ich eine 25qm 1-Zimmer Neubauwohnung bewohne, ohne mich wirklich um Geldbeschaffung kümmern zu müssen (was anders auch nicht klappt).


Da ich ausser von so einem sich selten dämlich aufdrängenden Nachbarn (*seufz*) nur recht selten Besuch habe, und weiters ohnehin den ganzen Tag nur am PC sitze (um zu programmieren, bilden, zocken, schreiben,...) ist's hier zwar etwas spackig/messy, lässt sich aber schnell in Richtung "studentische Verhältnisse“ aufwerten. Eine Freundin wär' da natürlich eine tolle Lösung (da ist aber noch so eine uralte, ungeklärte Story, die ich nicht kapiere). Nun ist aber "vaginal on air" auch nicht gerade das, was ich mir immer erträumt habe.


Etwas irritierend ist auch, daß diese Stimme irgendwie gehäuft dann auftaucht, wenn ich mir warme Gedanken mache. Möglicherweise ist meine PC-Beschäftigung einfach zu langweilig, oder mit fällt's wegen der Belanglosigkeit der Beschäftigung nicht so auf.


Achsoja, "Krankheitsverlauf":

Also das grösste Durcheinander war so zum Jahreswechsel 95/96.

Im Laufe 96 hat sich dann alles langsam auf den Stand von heute eingependelt (und dann erst Psychiatrie). Diesen Stand beschreibe ich mit "eine halbe Stunde täglich", was etwa der Zeit des Gebrabbels pro Tag entsprechen könnte, wenn man es komprimiert hintereinanderreiht. Maximal waren es damals etwa 12 Stunden pro Tag. Damals konnte ich kaum einen vollständigen Satz im Kopf formulieren, ohne dabei von der Stimme unterbrochen zu werden.


Der jetzige Stand von grob 1/2 Std. pro Tag schwankt phasenweise, und korrelliert geringfügig mit Faktoren wie Selbstzweifel, Interessenfokus, Mobilität, Einsamkeit usw.


Erwähnenswert ist vielleicht, daß ich im Gespräch mit Mitmenschen praktisch nie gestört wurde (nur in Gesprächspausen, oder Situationen, in denen ich auch unter Normalbedingungen wahrscheinlich "abgeschweift" wäre).


Der Stimme (es ist meist nur einer) kann ich kaum eine Absicht andeuten. Weder erzählt sie etwas neues, noch scheint sie mir etwas einreden zu wollen, ausser das sie existiert.


Das hat auch etwas positives:

Es ist wohlmöglich die einzige Möglichkeiten, mir klar zu machen, daß Gedankenübertragung stattfindet. Ohne diese Stimme würde ich wohlmöglich versuchen, dieses Wissen zu verdrängen.


Insofern scheint mir die Idee naheliegend, daß die Stimme als Indikator für die "Menge der gelesenen Gedanken" oder sowas dient, auch wenn dann aber unklar ist, warum das nicht einfach per eMail „Zugriffsstatiskiken“ zugesandt bekomme.


Wie dem auch sei. Solange dieser "Feedback" auf diesem Level bleibt (wonach es ja seit 9 Jahren aussieht), ist er nicht mein Hauptproblem.


Vielmehr war ich einfach nicht darauf eingerichtet, daß Gedankenübertragung in so einer Form existieren könnte. Ob Gedankenübertragung (z.B. nach dem Jederliestjeden-Prinzip) für andere Wesen akzeptabel sein könnte vermag ich nicht abschliessend zu beurteilen (ich bezweifle das aber).


Ich bin mir jedenfalls sicher, daß die Existenz von Gedankenübertragung nicht mit meiner Vorstellung eines würdevollen menschlichen daseins konform geht. Mir genügt auch schon, daß irgendjemand/etwas die Macht/Fähigkeit hat, eine solche Gedankenübertragung zu erwirken, um meinen Lebenswillen klar zu verneinen.


Ich will also nicht leben. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern können. Da ich einen ausgeprägten Überlebenstrieb habe, und zudem nicht sonderlich begabt zur Überlistung von Trieben bin, wird es wahrscheinlich noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis ich eine hinreichend akzeptable, gangbare Möglichkeit bietet.


Eilt ja auch nicht. Es gibt schliesslich noch schlimmeres, als ein per Definition nicht lebenswertes Leben zu leben (nämlich z.B. das, und zusätzlich körperliche Schmerzen, die ich zum Glück nicht habe).